Stimmt das?

Ein Beruf als Rückgrat fürs Leben? Wenn das mehr als ein frommer Wunsch sein soll, braucht es die genauere Betrachtung des Zitats von Nietzsche. Oder ist dieses Zitat ein zu hehrer Anspruch, der sich angesichts der Realität so oder so nicht erfüllen lässt? Schauen wir uns deshalb die Verbindung von Beruf und Leben etwas genauer an.

Manche tun so, als ob Beruf und Leben zwei getrennte Dinge seien. Oder wie ein bekannter Radiosender in seinem Slogan behauptet: „Und das Leben beginnt.“ Das Leben beginnt also nach Feierabend? Andere meinen, es gibt den passenden Beruf, das habe etwas mit Berufung zu tun … und reiben sich genau an diesem Punkt auf.
Alle Meinungen, denen ich zu diesem Thema begegne, in Artikeln,
in Gesprächsrunden oder in Projekten, weisen auf einen äußerst bedeutsamen Punkt hin: Unsere Lebenszufriedenheit
hängt mit unserer Jobzufriedenheit zusammen
.

Zeit für mich, diese Aussage näher zu betrachten, mit einem anderen Blickwinkel, so wie ihn das Zitat von Nietzsche ausdrückt. Es ist als Anker hilfreich, mit dem sich die eigene Position zu Beruf, Rückgrat und Leben klären lässt. Ein Impuls für eigene Gedanken.

Seine berufliche Rolle zu finden und anzunehmen,
ist nicht automatisch bequem. Es ist authentisch.

Heute sind Menschen frei in der Wahl ihres Jobs. Es stehen viele Berufsbilder und Studienabschlüsse zur Verfügung, da kann man schon mal den Überblick verlieren. Kann es hierfür einen Kompass geben, der es ermöglicht, einen Job zu finden, der zu einem passt?
Ja, wo Job- und Lebenszufriedenheit miteinander harmonieren?

Ich gehe sogar einen Schritt weiter und sage, dass Kompass und passendes Ergebnis möglich sind, wenn wir alle zugehörigen Aspekte aus der Perspektive einer Rolle betrachten. Rolle meint, einen Beruf,  eine Funktion, die wir ausüben mit unseren persönlichen Facetten auszufüllen. Damit verständlicher wird, was ich hiermit meine,
will ich es an einem Beispiel aus der Praxis verdeutlichen.

Nehmen wir an, Susanne ist Farb- und Stilberaterin und leitet Men- schen an, die für sie passenden Farben für Kleidung und Wohnraum herauszufinden, sich so wohler mit sich selbst zu fühlen und anzieh-ender zu sein. Präsenz als Ausdruck einer inneren Haltung sich selbst und anderen gegenüber. Sie liebt diesen Beruf und übt ihn wirklich gerne und erfolgreich aus, nur an einem Punkt hakte es jahrelang: mit der eigenen Präsenz in Vorträgen. Sie schaffte es nicht, ihren Beruf, also was sie macht und wofür sie steht, in Vorträgen zu präsentieren. Was im Einzelgespräch gelang, ging nicht, sobald sie gefordert war, vor mehreren Menschen etwas zu sagen. Ihr Beruf war in diesen Mo-menten nicht ihr Rückgrat. Ihr versagte tatsächlich die Stimme.

Authentizität ist am Menschen interessiert.

Susanne hatte dieses Problem sich selbst zu zeigen, weil sie ihren Beruf nicht mit ihrer eigenen Rolle ausfüllte. Ihr fehlten hierfür
zentrale Bezugspunkte, für das ihr gemäße Handeln:

  1. Die Bewusstheit, dass eine berufliche Rolle innere und äußere Komponenten besitzt.
  2. Der Zugang zu diesen Komponenten, z.B. „Was ist einzigartig an mir? Und was bedeutet das im Alltag für meinen Beruf?“
  3. Das authentische Interesse = die echte Bereitschaft für neue konstruktive Entwicklung, sie wollte aus dem Hamsterrad der ewig gleichen Ereignisse für ihren Beruf vorbehaltlos heraus.

Mit Unterstützung hat sie herausgefunden, wer sie in ihrer Rolle
im Moment der öffentlichen Präsenz wirklich sein möchte, was sie hierfür braucht und was zu tun ist, um mit sich selbst und den Zuhörern in Verbindung zu bleiben. Und: Das ihr gemäße Handeln war auch für ihre Empfänger gemäß, es wurde zur passenden Brücke.

Susanne hat nach 20 Jahren erfolgreich ihren ersten Vortrag ge-halten, mit viel Applaus und Resonanz, weil sie ausgestrahlt hat, was bis dato nur im Einzelgespräch gelang. Das geschah, weil sie für sich akzeptiert hat: Es geht nicht um Perfektion, sondern darum etwas abzuliefern, was für sie selbst und andere ein hilfreicher Beitrag ist. Sie hat wie in einer guten Fußballmannschaft, in der die starken Mit-glieder die schwächeren durch hilfreiche Kommunikation stärken und einbinden, den schwächsten Punkt identifiziert, in Fluss ge- bracht  und zum Rückgrat ihrer authentischen Präsenz ausgebaut.

Was tun? In den konstruktiven Dialog eintreten.

Was tun, wenn die Gleichung Lebenszufriedenheit = Jobzufrieden- heit zu sehr aus dem Gleichgewicht geraten ist?
Bei Susanne war es die Angst, etwas zu vollenden, genauer gesagt ihre eigene berufliche Rolle in allen Situationen anzunehmen, sich einzubringen und hierfür etwas konstruktiv Neues zu tun.

Ich plädiere an dieser Stelle mal wieder dafür,
unvoreingenommen mit einer Frage zu starten:

Was brauche ich wirklich, um meinen Beruf
zum Rückgrat fürs Leben auszubauen?

Also, mit der Bestandsaufnahme beginnen und mit Eigenverant-wortung und Augenmaß schrittweise vorangehen, zum Beispiel für einen beruflichen Teilaspekt, in dem es leichter fällt, das Notwendige zu tun. Dann kommt auf organische  Weise das Mögliche und plötz-lich entsteht das Unmögliche. Da bin ich wirklich zuversichtlich.

Jörg Poedtke

P.S. Ich freue mich auf Rückmeldungen zu Erfahrungen jeder Art,   wie der Beruf das Leben beeinflusst hat. mail[at]talentecafe.de

* Ergänzender Artikel Spiegel Online:Wo bist du nur, perfekter Job?