Zeitreisen – Ein Kultur.Forscher -Projekt

Kinder und Jugendliche auf Entdeckungsreise an der Freiherr-vom-Stein-Schule

Mit nachfolgendem Video stellte sich Jörg Poedtke den beteiligten Schülern des Kultur.Forscher-Projektes „Zeitreisen“ vor. Als Ideen-ratgeber, Anleiter für das Vorgehen und Geschichten-Unterstützer begleitet er Schüler für ihre Zeitreisen-Projekte in das alte Ägypten, Griechenland und Rom.

Einladend! Offene Türen empfangen mich, als ich am Donnerstag, 21. Mai den Unterstufentrakt der Freiherr-vom-Stein-Schule in Neu-münster betrete. Es herrscht eine anregende Atmosphäre in den jahrgangsübergreifenden Klassen 5-7.  Ich bin gleich mittendrin in der ästhetischen Forschung , dem Lernen mit allen Sinnen, unter Einbe-zug des Umfeldes und Künstlern, Kreativen, Handwerkern, Wissen-schaftlern.

Ästhetische Forschung = Lernen mit allen Sinnen

Anhand einer Forscherfrage, die sie selbst im Team entwickelt haben, lernen Schüler im Spannungsfeld der nachfolgend zu sehenden Forschungsfelder.  Mal steht die Alltagserfahrung im Vordergrund, mal Vorgehensweisen aus Kunst oder Literatur, mal wissenschaftliche Verfahren – und oftmals, wie heute auch, ist es eine Kombination von allem.

Ästhetische Forschung
Quelle: Leitidee Ästhetische Forschung – Deutsche Kinder und Jugendstiftung

Den eigenen Weg des Lernens entdecken
Der eigenen Neugier nachgehen können

Was mich sofort fasziniert, ist die Tatsache, wie hier der intrin-sischen Motivation (= Motivation, die von innen kommt) Raum gegeben wird: Kaum habe ich in einem weiträumigen Flur meinen Platz mit meinem Talente Café -Banner eingenommen,  begrüßen mich die ersten Schüler und fragen mich, ob ich ihr Forscher-Tagebuch anschauen will. Es gilt gleich für mich, die richtige Balance zwischen Anleitung und Freiheit zu finden, Anleitung und Freiheit für die eigenen Gedanken der Schüler … um so herauszufin-den, ob sie schon eine Forscherfrage haben und was genau sie jetzt brauchen – auf dass sie für meine Hinweise empfänglich sind.

* Beispiel 1: Wie wurden Sklaven behandelt?

  • Jelena und Diana sind in ihrem mehrköpfigen Team für das  Drehbuch verantwortlich, gemeinsam wollen sie in einem Theaterstück zeigen, wie Sklaven unterdrückt wurden. Der Pharao und eine Sklavin spielen die Hauptrolle. Die Mutter und ihre 5 Kinder müssen sterben, weil die Sklavin gegen den Pharao aufbegehrt hat.
    Meine Unterstützung ist gefragt, als es darum geht, von Ideen und Forscherfrage zu Struktur und Spannungsbogen zu kommen. Was mich sehr erfreut hat, ist die Wachheit der beiden, wie sie sich gegenseitig unterstützen und reflektieren, was in ihr Stück hinein-gehört, um am Ende die Forscherfrage beantwortet zu haben. Ihre Neugier, ihr unvoreingenommenes Nachgehen im Austausch lässt uns gemeinsam eine überraschende Wendung für das Stück entwickeln. Zudem nehmen beide mit, was an ihrem Drehbuch zu ändern ist. Aber das gehört ja dazu: Ein Forscher überprüft seine Annahmen, lässt sich auf neue Erkenntnisse im Team ein, ent-wickelt und passt die notwendigen Schritte an. Und setzt diese Schritte unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse um..

Wenn wir ästhetisch lernen, ich meine, wenn wir mit allen Sinnen wahrnehmen, zuhören, empfinden, lernen, dann entsteht etwas,
das sich als lebendige Kommunikation, Reflektion, Klarheit, Weiter-gehen ausdrückt. Es geschieht etwas im gemeinsamen Tun, das sich
als förderliche Entwicklung und Ergebnis begreifen lässt. 

Beispiel 2: Wie viele Steine wurden in einer Pyramide verbaut?

  • Paul und Mattes haben diese Frage für sich gewählt, weil sie auf einem ihnen fremden Gebiet etwas lernen wollten.  Die beiden ergänzen sich sehr schön: Paul erzählt lebhaft von seinen Erkennt-nissen, die er aufgrund von Recherchen im Internet gewonnen hat. Mattes wirkt introvertierter, nachdenklicher, ist gleichwohl sehr wach dabei … und interessiert sich spontan dafür, wie sie ihre Forscher-Ergebnisse anschaulich darstellen sollen.
    „Wie können wir andere neugierig machen, sich unser Projekt genauer anzuschauen? Und sollten wir Zuschauer über eine Aktivität einladen, etwas zu Steinen und Pyramiden zu erfahren?“, lauten zwei von mehreren Fragen in unserem Gespräch. Auch hier geht es darum, das Vorgehen weiter zu verfeinern, Engpässe zu erkennen und das Gerüst für die Darstellung zu skizzieren. Die Freude ist sichtbar zu spüren, wie die beiden Schüler Schritt für Schritt sich auf das Erkunden von Möglichkeiten für ihre Präsenz  einlassen, Ideen verwerfen und Machbares aufgreifen. Am Ende, mehr sei hier nicht verraten, landen wir  gemeinsam bei dem Aufbau für eine Art interaktiver Collage mit Sinneserfahrung.

Nicht nur diese beiden Beispiele haben mir erneut gezeigt, was ergebnisoffene Kommunikation ermöglicht: Im Mittelpunkt stehen Menschen und ihre Erfahrungen und Erkenntnisse … passende Entwicklung kommt in Gang, ein Ergebnis, das sogenannte Produkt formt sich. Und Talente werden auf natürliche Weise sichtbar.

InteresseUnd was ist mit dem Problem der Unsicher- heit? Vertrauen in offene Prozesse ist gefragt, die ästhetische Forschung bietet hierfür den passenden Rahmen. Die Unsicherheit ist eine Herausforderung, aber sie gehört zum Forschungsprozess dazu. Umso wichtiger ist es, mit den Schülern ein Ziel zu formulieren, etwas zu präsentieren. Denn ein stimmiges Ziel vor Augen zu haben, gibt Orientierung, stärkt den Mut und inspiriert die Motivation.

Ist ästhetisches Lernen für andere Felder geeignet?

Unbedingt. Denn das selbstorganisierte, ästhetische Lernen setzt neue Anreize und ist dadurch sehr motivierend, effektiv und effizient, um Antworten hierfür zu entdecken:

  • Wo liegt das echte Interesse? Was begeistert?
  • Was sind die Talente und Rollen in einem Team?
  • Was ist das passende Vorgehen / Schritte als Fahrplan?
  • Was zeigen wir von uns in einem Ergebnis / Produkt?

Das passt für Schüler wie für Arbeitslose, für Mitarbeiter in Unter-nehmen wie für Existenzgründer – und viele andere mehr.

Ästhetische  Forschung ist eine Symbiose aus Prozess und Ziel: Sie macht Sinn, wenn man sich auf den Weg begibt, ohne ein bereits vor-hersehbares Ergebnis zu haben. Ein Weg mit Unwegsamkeiten und ungewissem Ausgang. Die Teilnehmer folgen bestimmten Zielvorstel-lungen und verlassen sie wieder, greifen andere auf, erarbeitete Dinge und Gedankenwege werden umgeformt und so weiter und so weiter.

Sein Interesse und Fähigkeiten dort einbringen, wo etwas Freude macht, ist angesagt. Offenheiten aushalten und sich unter Unsicher- heit entscheiden wird hier eingeübt, die Teilnehmenden knüpfen an Bekanntem an und kommen zu individuell Neuem.

Ästhetisches Lernen hat etwas mit Horizonterweiterung zu tun.
Das ist wie auf einer Reise einen Schatz zu entdecken und diesen gemeinsam heben, könnte man sagen. Die Unterstufen-Schüler der Freiherr-vom-Stein-Schule haben damit begonnen und entdecken so, was es bedeutet ein Forscher zu sein, die richtige Frage zu stellen – und was das alles mit ihnen und ihren Interessen und Talenten zu tun hat. Ich bin schon sehr gespannt, ob es eine Forscher-Feier gibt, auf der sich die Schüler und ihre Projekte zeigen.

Mal schauen, was als Nächstes kommt.

Wissen – Verstehen – Anwenden – Analysieren – Reflektieren – Tun

Te-Logo-orange-85Jörg Poedtke

P.S. Interessante Links zum Thema:
* Freiherr-vom-Stein-Schule – Freude am Lernen, Freude am Leben
* Deutsche Kinder- und Jugendstiftung – Sponsor von Zeitreisen
* 15 Thesen ästhetischer Forschung von Helga Kämpf-Jansen