Mehr Selbst-Sicherheit = Gute Beziehungen?

Bildung neu definiert – Ein Plädoyer mit Beispielen   – Teil 2

Jörg Knüfken, Initiator des Projektes „Schreibmodus e.V.“ in Dorsten über Beziehungsaufbau, Selbstsicherheit und was das mit Schreiben nach dem Freedom-Writers-Prinzip zu tun hat.

Jörg, du hast das Projekt Schreibmodus  ins Leben gerufen, da stecken die Worte ‚Schreiben‘ und ‚Modus‘ drin.
Was bedeutet das genau?  
Jörg Knüfken
Jörg Knüfken

Ich fange mal mit dem Wichtigsten an: Schreiben. Letztlich ist es mir in diesem Projekt gelungen, Schülergruppen zu bewegen, regelmäßig ein Tagebuch zu schreiben. Die haben mich ihre Einträge lesen lassen, das war die entscheidende Brücke für mich, die Jugendlichen mit ihren Anliegen wahrhaftig kennenzulernen, ihre Hintergründe, Gedanken und Probleme. So gelang der Beziehungsaufbau, um den es hier im Kern geht. Dieser Beziehungsaufbau fördert die Selbst- sicherheit der Schüler und er hat auch meine Selbstsicherheit im Auftreten vor Schülern gestärkt.  

Wie hat ‚Schreibmodus‘ begonnen, wie ist es entstanden? 

Die Anfangsphase ist jetzt (Sept. 2014) fast dreieinhalb Jahre her.
Es ging damals darum, Schüler einer Brennpunkt-Hauptschule, genauer eines achten Jahrgangs und davon die sogenannten sech-zehn sogenannten schlimmsten Schüler in den Nachmittagsunter-richt zu integrieren, der zu der Zeit bei uns verpflichtend war. 

Diese Schüler galten als nicht beschulbar, im Nachmittagsbereich erst recht nicht, sie zerstörten kollektiv die AGs usw. Wir haben uns gefragt: Wie viele Schüler davon konzentrieren wir in einer Gruppe, damit die anderen wenigstens etwas machen können? Das war vor-rangig. Ich hatte die Aufgabe, sie in irgendeiner Form zu beaufsich-tigen.  Übungen, die sie in ihrer Entwicklung unterstützen sollten, haben ihnen überhaupt nicht gefallen. Daraufhin habe ich beschlos-sen: Das muss ich uns nicht antun, jede Woche nachmittags irgend- etwas Pädagogisches, das bringt nichts, ich zeig‘ den stattdessen jede Woche einen Spielfilm. Auf der Suche nach geeigneten Filmen habe ich „Freedom Writers“ entdeckt. In dem Film  bewegt die amerika-nische Lehrerin Erin Gruwell Ghetto-Kinder, die Waffe wegzulegen und den Stift in die Hand zu nehmen. Wenn die das hinbekommen hat, so dachte ich, wird es auch mit „meinen KIndern“ klappen, die sind gar nicht „soo schlimm“. Ja, so begann unsere Geschichte.

Du hast den Jugendlichen irgendwann ein Tagebuch zum Aufschreiben ihrer Gedanken gegeben. Warum hast du dich hierfür an dem Vorgehen der Freedom Writers orientiert?

Das hat sich Schritt für Schritt entwickelt. Die Freedom Writers sprechen viele Dinge an: Im Film habe ich die Hollywood-Wirklich- keit. Diese wilde Wirklichkeit hat die Jugendlichen bei uns total berührt und angesprochen, weil die Charaktere der Schüler im Film sehr ausgeprägt dargestellt sind … und so konnte ich immer wieder eine Brücke zwischen Film und unserer eigenen Wirklichkeit bauen.  

Der Projektverlauf stand nicht fest, den hab‘ den Woche für Woche ausgestaltet. Ich habe den Schülern vorgeschlagen, ein Spiel zu spielen, mit fünf Aufgaben. Wenn sie die erfüllt haben, fahren wir nach Amsterdam, ist ja nur 2 Stunden Fahrt von uns. Zu diesem Spiel waren sie bereit. 

Einige Übungen, die die Freedom Writers machen, sind im Film skizziert. „Wenn die das können“, habe ich den Schülern gesagt, können wir das auch machen. Sogar die haben Tagebuch geschrieben, dann schreibt ihr doch auch Tagebuch.“ Das führte dazu, dass nicht irgendein dahergelaufener Pädagoge sagt: „Komm, schreib Tage-buch.“ Vielmehr haben die Jugendlichen gesehen, da sind wirklich „schwere“ Jungs und Mädchen, selbst die haben‘s gemacht … dann probier‘ ich es eben auch mal aus. Das war total hilfreich. 

Schön, diese Brücke zwischen Film und Wirklichkeit.
Was hat sich hieraus alles ergeben?

Das ist eine Menge gewesen. Unser Buch heißt zwar „Das Wunder bleibt aus“, gleichwohl sind viele wunderbare Dinge geschehen, zum Beispiel eine 1,5-stündige Skype-Konferenz mit den Freedom-Writers in Amerika. Darüber haben wir die persönlich kennen-gelernt, ein emotionales Erlebnis für die Schüler und für mich.

Dann ist etwas für unser Projekt absolut Entscheidendes passiert: Wie die Freedom Writers haben wir ein eigenes Buch über unsere Tagebücher geschrieben, der Care-Line Verlag hat es veröffentlicht. Hieraus hat sich ergeben, mit den Schülern zusammen unser Projekt deutschlandweit zu präsentieren und Workshops zu geben.

Die Gründungsmitglieder von Schreibmodus e.V.
Die Gründungsmitglieder von Schreibmodus e.V.

Und schließlich haben wir den Verein Schreibmodus gegründet, an dem auch ehemalige Schüler beteiligt sind. Mit diesem Verein realisieren wir Les- ungen, Seminare, Veranstaltungen etc.

Ein Jahr später kam Erin Gruwell zu uns nach Dorsten. Mit ihr, 120 Schülern und 150 Lehrern haben wir eine Ganztags-Veranstaltung durchgeführt. Und es war ein Highlight für mich, von Erin Gruwell für eine Freedom-Writers-Fortbildung nach Long Beach, Los Angeles eingeladen zu werden.

Hinzu kommen mittlerweile weltweite, nachhaltige Kontakte. So mischen sich Film-Wirklichkeit, reale Wirklichkeit und mediale Ereignisse. Ich persönlich mag es sehr, damit ein bisschen zu spielen.

Spielen und Fortbildung nochmals vertieft: 
Wer ist dann Jörg Knüfken in diesem Projekt?

Ich sehe mich zunehmend als Anstifter für andere Pädagogen. Ich habe eine Erfahrung gemacht, die nenne ich die Quadratur des Kreises. Damit meine ich, ich war in meinem Denken in dem System, in dem ich mich bewege, verhaftet. Dieses System, Bildung genannt, ist aus meiner Sicht einseitig ausgerichtet. Von Jugendlichen wird zuallererst verlangt: Du musst in das System passen, es gibt keinen anderen Weg. 

Hier war es andersherum, und das hat wirklich hervorragend geklappt: Das System muss zum Schüler passen, was ich ich total genial finde und gerne weitergeben möchte. Im Nachhinein betrachtet war es einfach, dass auf diese Weise untereinander Beziehungen entstanden sind, die Sicherheit geben. Die Schüler haben praxisnah sehr viel gelernt, auch wenn sie das Gefühl haben, sie würden gar nicht viel lernen. All diese Erfahrungen und Ergebnisse empfinde ich als einen Segen.

Was ist das Erfolgsgeheimnis dieses Vorgehens?
Warum legen Jugendliche den Schalter zu konstruktiver Entwicklung um?  Sie galten als unbeschulbar …

Keine leichte Frage … Ich meine, meine Kollegin und ich haben einen ewigen Kreislauf durchbrochen. Wer respektiert wen zuerst? Und wie baut sich wechselseitig Respekt auf? Das waren entscheidende Fragen. Indem wir ihre Tagebücher gelesen haben, haben wir gesagt: Wir bringen den Jugendlichen erst mal unbedingten Respekt für ihre Lebensleistung entgegen. Diesen, unseren Respekt haben sie aufge-nommen, aufgesaugt, und es war sehr schnell so, dass wir diesen Respekt zurückbekommen haben. 

Respekt geben und Respekt  nehmen ist wie in einem Ping-Pong-Spiel, das immer noch funktioniert. Genau dies gibt den Jugendlichen das Gefühl der Sicherheit und der Druck wird aus der Gesamtsituat-ion herausgenommen. Jeder weiß: Ich brauch‘ nicht um meinen Status kämpfen, ich bin einfach da. Gerade mit diesen ersten Gruppen von insgesamt 140 bis 150 Schülern ist so viel gelungen. Im besten Sinne konnte Nähe entstehen, das war entscheidend.

Das Buch, das du mit den Jugendlichen geschrieben hast, heißt „Das Wunder bleibt aus.“ Worum geht es darin?

Schreibmodus Das Wunder bleibt ausDas Buch gibt vier verschiedene Punkte aus dem Projekt wieder. Grundsätzlich werden Methodik und Übungen beschrieben, die wir gemacht haben. Darüber hinaus ist es ein Handbuch für Lehrer. Herzstück sind allerdings die zusammengefassten Tagebuch-Einträge der Schülerinnen und Schüler, auch meine Einträge sind dabei. Das Ganze ist schon sehr emotional. 

Der Leser bekommt einen tiefen Einblick in einen Lebensabschnitt der Schüler sowie in den Projektalltag mit allen Höhen und Tiefen und den Schwierigkeiten, die es immer wieder gab. Die Schüler selbst sind mit einigen Portraits charakterisiert. 

Inzwischen gibt es sogar ein Fortbildungsprogramm.
Was macht euer Fortbildungsangebot aus?

Unser Fortbildungsprogramm ist sehr praxisnah. Es steht unter der Leitlinie, alles, was wir den Schüler anbieten, vorher selbst auszu-probieren. So fangen auch die Lehrer-Kollegen und -Kolleginnen an, probeweise Tagebuch zu schreiben und machen wesentliche Elemente exemplarisch mit. 

Als Alleinstellungsmerkmal sehe ich auch, dass ehemalige Schüler – soweit es ihnen terminlich möglich ist – bei der Fortbildung mit dabei sind. Als weiteren Schwerpunkt haben wir eingebaut, wie man mit Schülern noch weiter arbeiten kann. Neben dem Freedom-Writers-Schreiben vermitteln wir das erfahrungsorientierte Lernen. Zudem sensibilisieren wir die Teilnehmer, wenn selbst so eine Art Projekt realisieren möchten, wie sie Ressourcen, die vielleicht sonst nicht zur Verfügung stehen, hier einbringen können. Da gibt‘s im Umfeld zum Beispiel Theater-Pädagogen, Sportler usw., die gut hineinpassen.

Was ist das Hauptanliegen?

Wir möchten dafür begeistern, dass es Möglichkeiten gibt, nach-haltige Beziehungen mit Schülern aufzubauen. Dafür ist unsere Methode ein Weg, es gibt sicher noch weitere. Beziehungsaufbau ist die absolute Grundlage, um lernen zu können und den Schulalltag erfolgreich zu gestalten. Das ist der Kern unseres Forbildungs-angebots. Und wir in der Schule sind für diesen Beziehungsaufbau verantwortlich, denn der ist wie gesagt sehr wesentlich.  

Hast du eine Empfehlung für Schüler, Eltern und Lehrer,
die sich inspiriert fühlen, dem Freedom-Writers-Prinzip näher zu treten, es selbst auszuprobieren?

Ich würde das Thema, um das es hier geht, entproblematisieren, ein- fach machen, einfach loslegen. Den Film zu zeigen ist ein guter Start-punkt, das funktioniert nach wie vor, auch wenn er bereits sieben Jahre alt ist. Gerade gestern habe ich ihn einer neuen Gruppe gezeigt.

Alles ist besser als nichts zu machen und alles beim Alten zu lassen. Deswegen empfehle ich, Eltern sollten anregen, Lehrer sollten das Projekt einfach beginnen, am besten in einem breiten Bündnis und Schüler sollten vorschlagen, was sie gerne möchten. Einfach ins Tun kommen. ich kann mich da nur wiederholen. Nach dem gemeinsamen Film anschauen stellt sich dann die Frage: Wollen wir damit etwas Praktisches machen?

Die ersten Projekteinheiten sind schnell erstellt, das findet sich auch alles in unserem Buch wieder, und wie man damit nach außen gehen kann. Der Film ist natürlich der Kern und der Leitfaden, den benutze ich selbst immer wieder. 

Last but not least: Gibt es etwas, was du als Initiator oder
das Projekt Schreibmodus aktuell gebrauchen können?

Wir freuen uns über jeden persönlichen Kontakt, über jede Rückmeldung zum Buch und Film und jeden, der an einem Workshop interessiert ist. Jegliche Form von Vernetzung und Berichte zu eigenen Erfahrungen empfinden wir als hilfreich.

Wir probieren, alle möglichen, passenden Verbindungen zusammen zu bringen, so dass sich dieses Projekt und der Beziehungsaufbau mit Schülern weiter entwickeln kann.

Vielen Dank, Jörg Knüfken für dieses aufschlussreiche Interview*.

Te-Logo-orange-35Wer an dem Projekt ‚Schreibmodus‘ näher interessiert ist,
nimmt am besten mit Jörg Knüfken direkt Kontakt auf:
Telefon 0160-637 09 75 · mailto: info[at]schreibmodus.de

*Das Interview führte und transkribierte Jörg Poedtke.

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