Warum ich dem Ruf des Abenteuers gefolgt bin?

Eine neue Kultur von Menschen und des Zusammenlebens kennenzulernen  

stand als Sehnsucht am Anfang meines Philippinen-Projekts 2010/11. Die Zeit zwischen Bachelor-Abschluss und Masterstudium schien mir der richtige Zeitpunkt, um nicht wie bisher nur mit dem Geist zu arbeiten, sondern mehr praktische Erfahrungen zu sammeln.

Doch was fehlte für den Start? Das richtige, zu mir passende Projekt.

Erasmus, ein Auslandssemester an einer anderen Universität, war eine Möglichkeit. Mit dieser fühlte ich mich allerdings nicht ganz wohl, da es der gleiche Topf nur mit einem anderen Deckel geworden wäre. Im Grunde war die Projektfindung im Nachhinein einfacher als im ersten Moment gedacht. Die richtige Zeichen müssen nur erkannt und ergriffen werden. So stieß mich ein guter Freund auf eine kleine Organisation in Hamburg: das International Peace Observers Network, kurz IPON.

Diese NGO ist im Bereich der Menschenrechtsbeobachtung auf den Philippinen tätig. Diese suchen immer wieder Freiwillige, die für sechs Monate oder länger ausreisen und als Menschenrechts- beobachter tätig sind. Ich war relativ schnell Feuer und Flamme für diese Art von Projekt und habe mich innerhalb kurzer Zeit für ein Einsteigerseminar beworben. Danach war ich zu 99 % überzeugt, dass ich an weiteren Vorbereitungsseminaren teilnehmen möchte, um als Beobachter ausgewählt zu werden und ausreisen zu dürfen. Meine Begeisterung war geweckt.

Ich freute mich auf eine Auslandserfahrung,
die stark mit praktischem Tun verknüpft war.

Eine andere Kultur mit einem viel wärmeren Klima sollte “erobert”, neu erschlossen werden. Es gab mir die Möglichkeit mein universitäres Wissen endlich einmal in der Praxis anzuwenden. Denn die praktische Arbeit umfasste Recherchearbeit, Dokumentations- und Analysearbeit. Dazu schult man seine Beobachtergabe und Präsenzfähigkeit. Was mir außerordentlich gefiel, war der Kontakt zu Menschen, die eine andere Mentalität haben, die eine andere Einstellung zum Leben haben. Viele dieser Menschen ertragen die Widrigkeiten und Widerlichkeiten ihres Lebens mit großer Kraft, einem starken Geist und einem Zusam- menhalt, der neu und inspirierend für mich war.

Es war ein richtiges Abenteuer in einem nicht ungefährlichen Konflikt. Die Philippinen sind ein sehr gewälttätiges Land, Schuß- waffen sind in der Öffentlichkeit stark vertreten. Die Schere von arm und reich ist sehr weit; dies drückt sich durch bewaffnete Wachmänner vor vielen Geschäften, jedem Supermarkt und vor jeder Bank aus. Auch der Konflikt um die Landreform, zu dem wir arbeiteten, ist immer wieder von Gewalt und sogar Toten geprägt.

Gelernt habe ich, wie ich dem Ruf meiner Sehnsucht und meiner Inspiration folge und auf diese Weise das für mich passende Projekt finde und verwirkliche.

So durfte sich meine inneren “Stimme” in der äußeren Welt in passender Art und Weise ausdrücken. Das ist der Grund, warum ich dem Ruf des Abenteuers gefolgt bin. Gleichwohl braucht es auf dem Weg von der Idee zum Tun ein gewisses Maß an Beharrlichkeit, Durchhaltevermögen und authentisches Interesse. Ohne diese drei Eckpfeiler wäre ich auf dem Weg zum richtigen Projekt gescheitert. Dies wurden auch von den Menschen, mit denen ich bei diesem Projekt zu tun hatte, wahrgenommen und wertgeschätzt. Für heutige Projekte wie meine Masterarbeit komme ich immer wieder auf diese drei Eckpfeiler zurück, um an das gewünschte Ziel zu gelangen.

Insgesamt war die Zeit auf den Philippinen ein Wendepunkt und eine einschneidende Erfahrung in meinem Leben. Für mich gibt es die Zeit vor den Philippinen und danach. Es war eine Zeit der Transformation hin zum Erwachsenwerden, zum Reifen. Ich habe eine andere, realistischere Sicht auf das Leben und die Welt gewonnen. Für mich erscheint die Welt nicht mehr so hell wie zuvor. Damit meine ich nicht mein persönliches Leben. Das unterliegt einer positiven Entwicklung trotz  Hindernissen und Widerständen. Ich meine damit, dass die Distanz von Zuhause und der Blick auf Gewalt und Armut in extremerer Form einem das dunkle Grau der Welt offenbaren. Nachrichten in Zeitung und Fernsehen zeigen nur einen Ausschnitt, aber vermitteln nur schwer, wie sich dieses dunkle Grau tatsächlich anfühlt. Es brennt sich ein und verbleibt dort wie ein Schatten im Nebel, der immer da ist und mitschwingt. Gleichwohl möchte ich diese Zeit in meiner individuellen Entwicklung nicht missen, da ein Bewusstsein für diese Realität mit das beste war, was mir passieren konnte. Da ich meiner Sehnsucht und meiner Inspiration gefolgt bin, habe ich neue bereichernde Erkenntnisse und Erfahrungen gewonnen.

All dies hat zu einer neuen, spannenden Entwicklung für mein eigenes Leben geführt.